Gwerbliche Schule Nagold

1912 - 1933

1912 wird das neue Gewerbeschulhaus in der Calwer Straße eingeweiht. Das für damalige Verhältnisse sehr noble Gebäude kostet die Stadt Nagold 130000 Mark. Während des Ersten Weltkrieges dient das neue Schulhaus als Lazarett. (So sind wohl auch die verhältnismäßig vielen Gräber von Kriegsgefallenen auf dem Nagolder Friedhof erklärbar.) Der Schulbetrieb muss eingeschränkt werden. Mobilmachung und Kriegserklärung Anfang August 1914 sind den Tagebüchern noch eine Notiz wert, Vergleichbares über die Novemberrevolution und den Start der Weimarer Republik 1918/19 ist nicht aufzufinden.


Der Strukturwandel in Handwerk, Handel und Gewerbe führt in den 20er und 30er Jahren zu einigen einschneidenden Veränderungen des Schulbetriebs: Es unterrichten nur noch hauptamtliche Lehrkräfte, 1920 wird eine besondere kaufmännische Abteilung eingerichtet, und die kleineren Berufsschulen des näheren Umkreises werden nach und nach aufgelöst. Zunächst treten die umliegenden Gemeinden 1929 dem Schulverband Nagold bei, womit wohl die andauernden Streitigkeiten über die Kostenumlagen aus der Welt geschaffen wurden. Die Schulen in Ebhausen, Wildberg und Haiterbach treten 1936 dem Verband Altensteig und mit diesem 1938 dem Schulverband Nagold bei. (In Altensteig werden allerdings Abteilungen für Holz, Bau und Leder weitergeführt, der Schulbetrieb endet hier im Jahr 1960.) Die Nagolder Schule bekommt Zentralfunktion – und Nagold verliert den Oberamtssitz an Calw. Der Spezialisierung der Berufsfelder trägt die Bildung von Fachklassen Rechnung. Ab 1936 gibt es zunehmend Werkstattunterricht in neuen Schulwerkstätten. 1932, auf dem Höhepunkt der Weltwirtschaftskrise, beteiligt sich die Schule an einer großen "Nagolder Gewerbeausstellung", die auch zu einem Jubiläum des Gewerbevereins abgehalten wird – diesmal feiert man 75jähriges Jubiläum und legt die Gründung damit auf das Jahr 1857.


Über die Bildungsinhalte und den alltäglichen Schulbetrieb in der Weimarer Republik ist dem Archiv nicht viel zu entnehmen, erhalten sind lediglich die der Schulaufsichtsbehörde zu meldenden Statistiken, Mitteilungen über eine Schulfürsorge, ein Erlass des Ministeriums, dass den Schülern eine Broschüre über den Versailler Vertag (Titel: "Versailles", verfasst vom "Arbeiterdichter Karl Bröger") ausgehändigt werden soll, deren revisionistischer Gehalt ohne weiteres unterstellt werden kann.(14) Die Verteilung ist begleitet von einem Erlass des Kultusministers Bazille vom 22.06.1929, wonach "am 28. Juni [1929] die Schüler sämtlicher Schulen über die angebliche Schuld Deutschlands am Kriege aufgeklärt werden". Ziel dieser Aufklärung [!] ist es, den "Kampf um das Recht des deutschen Volkes […] den Schülern als heilige Pflicht darzustellen. Ihre Seelen sollen sich erfüllen mit Abscheu gegen Unrecht und Unwahrheit. Ihre Herzen sollen sich begeistern an dem Gedanken, daß aus dem schweren Schicksal, das auf Deutschland lastet, sich eine große Mission des deutschen Volkes ergibt, der Kampf um das Recht überhaupt."(15) Wenn die Schulen ihren Auftrag zur politischen Bildung in diesem Sinne zu sehen haben, erstaunt es weniger, warum nationalsozialistische Propaganda ab 1930 so erfolgreich war.


Spektakulär scheint der Disziplinarfall des Lehrers G. gewesen zu sein: Dienstversäumnisse, Beschuldigungen, Verleumdungen, Verweigerungen, Anhörungen und schließlich die Versetzung ins Thüringische. Programme von Schulabschlussfeiern sind erhalten – aber alle Überlieferung außer den offiziellen "Schulberichten" bricht schlagartig mit dem Jahr 1933 ab. Wenn man berücksichtigt, welche Rolle der Nationalsozialismus der Erziehung der Jugend beimaß und welche Verflechtungen zwischen Schule und Politik anzunehmen sind, erstaunt diese Säuberung des Archivs nicht.(16)