Gwerbliche Schule Nagold

1936 - 1944

Die Gewerbeschule im Nationalsozialismus


1936 wird die "Hitlerjugend" per Gesetz zur Staatsjugend. Gegenüber Schule und Elternhaus ist sie nun in ihrer Erziehungsfunktion sogar bevorzugt. Die Schülerkarteikarten vermerken ab jetzt die Mitgliedschaft in dieser Organisation; auffällig sind einige wenige Einträge, dass der Schüler nicht Mitglied sei oder dass er beabsichtige, in die HJ einzutreten. Welche konkreten Konflikte sich dahinter verbergen, lässt sich nur erahnen.


Die besondere Bedeutung Nagolds als braune Hochburg bereits in der Zeit vor der "Machtergreifung" ist ausführlich dargelegt im Festbuch zum 1200jährigen Jubiläum der Stadt Nagold im Jahre 1986.(17) Darin wird eine Quelle zitiert, wonach die Stadt schon 1928 im württembergischen Landtag die "zweite Residenz des Dritten Reiches genannt" wurde.(18) Die Nagolder Ergebnisse der Reichstagswahlen 1924-1933 sprechen für sich. Zudem kann der totalitäre Erfassungsanspruch des Nationalsozialismus an der Nagolder Schule nicht spurlos vorbeigegangen sein. Tatsache ist, dass Bildungsanstalten eine wesentliche Rolle bei der Zerstörung der Weimarer Demokratie gespielt haben und höher gebildete Personen früher und zahlreicher Anhänger des NS waren als andere Personengruppen. Ca. 5% der gesamten Lehrerschaft des deutschen Reiches gehörten bereits vor dem 30.Januar 1933 der NSDAP an, im Mai 1933 waren schon ungefähr 25% der Lehrer deren Mitglied. Die "Gleichschaltung" der Schulen und der Lehrerverbände war bereits wenige Monate nach der "Machtergreifung" abgeschlossen.(19)


Wie sich diese "Gleichschaltung" im Schulalltag auswirkte, lässt sich ansatzweise den Anmerkungen zu den offiziellen Schulberichten entnehmen. Der Schulbericht 1933/34, datiert vom 5.April 1934, listet bereits sehr penibel insgesamt 16 (!) neue "nationale" Gedenktage auf, die in der Schule begangen wurden, darunter allein im November 1933 "Gedenken der Opfer des Weltkriegs und der im Kampf für das 3. Reich Gefallenen" (gemeint ist v.a. der Hitlerputsch vom 9.November 1923), ein Thema "Blut und Boden", am 10. November "Luthers 450. Geburtstag", am 18. November "Tag des deutschen Volkstums (Fest der deutschen Schule)" oder am 29.September ein "Deutscher Erntedanktag". Die Teilnahme von Lehrern an NSLB-Veranstaltungen (eine berufsspezifische Unterorganisation der NSDAP) ist bereits vermerkt. Bereits diese wenigen Einträge lassen zumindest einen hohen Grad an Anpassungsbereitschaft erkennen.


Der künftige, noch "i.V." unterzeichnende Schulleiter S. berichtet für 1934/35 von einer "Nationalpolitischen Schulung" für Lehrer und vermerkt in der Rubrik "Besonderes" folgende Schulveranstaltungen im Jahr 1934:

April 1934

"Feier des Geburtstages des Führers"

Mai 1934

  1. Tag der Nationalen Arbeit
  2. Gedenkstunde der 50j. Besitzergreifung Deutsch-Südwest-Afr. [gemeint ist die im 1. Weltkrieg verlorene deutsche Kolonie Südwest-Afrika, das heutige Namibia]
  3. Natur- und Heimatschutz

Juni 1934

  1. Kampf dem Verkehrsunfall
  2. Teilnahme am Fest der Jugend

Juli 1934

  1. Der Führer hat am 30. Juni [Abbruch des Satzes im Original; es geht um den sog. "Röhmputsch"!]
  2. Nationals. [nationalsozialistische] Weltanschauung als Grundlage des Handelns
  3. Tag des Deutschen Volkstum
Sept.
1934
  1. 30j. Krieg als völk. Selbstmord - Schlacht bei Nördlingen
  2. Hindenburggedenkfeier
  3. Hindenburgs Vermächtnis
Nov. 1934 Schillergedenkfeier
März 1935 Teilnahme am "Reichsberufswettkampf"



"Gedenkstunden wurden im Rahmen gemeinsamer Schulfeiern durchgeführt", außerdem gab es "im Schuljahr 4 Ausmärsche an Nachmittagen." (20)


Bemerkenswert erscheint besonders, dass den Berichterstatter, obwohl als strammer Anhänger Hitlers ausgewiesen, der Mut verließ, seinen Satz zum "Röhmputsch" zu vollenden. Am 30. Juni 1934 ließ Hitler die oberste Führung der SA ermorden, weil sie eine zweite, "wirkliche" nationalsozialistische "Revolution" forderte, was Hitlers Pläne mit der Reichswehr und der Industrie störte. Die Mordaktion (der auch der ehemalige bayerische Ministerpräsident v.Kahr und der ehemalige Reichskanzler v.Schleicher zum Opfer fielen) wurde als Abwehr eines (nicht geplanten) Putschversuches ausgegeben. Bereits am 3. Juli 1934 wurde per Gesetz allen am Mord Beteiligten Straffreiheit gewährt. Der Vorgang blieb aber ein heikles Thema, weil die SA eine Massenorganisation überwiegend kleinbürgerlicher Zusammensetzung war, so dass auch angenommen werden könnte, dass den Berichtenden das Vertrauen in die offizielle Sprachregelung verließ.


Über die "Schlußfeier der Gewerbeschule" am 29.03.1935 wird in der Lokalzeitung berichtet: "In Reih und Glied, vorwiegend Hitlerjungen, waren die Gewerbeschüler gestern nachmittag 5 Uhr vor ihrer 'Hochschule' zur feierlichen Flaggenhissung angetreten." Es folgt ein Detailbericht mit Nennung der anwesenden örtlichen Honoratioren einschließlich Bürgermeister. "Mit dem 'Fahnenschwur' und dem Horst-Wessel-Lied fand die gediegene Feier ihren Abschluß." (21)


1935 führte Hitler unter Bruch des Versailler Vertrages die Wehrpflicht wieder ein. Man würde erwarten, dass von Einberufungen zum Militär in diesem frühen (Friedens-) Stadium der Aufrüstung nur die entsprechenden jungen Jahrgänge betroffen waren. Unter "Urlaubsbewilligungen" sind aber Teilnahmen von Lehrern an "Übungen der Wehrmacht" registriert, die nur auf freiwilliger Meldung beruhen können: Gewerbelehrer S., der auch als "Leiter der Gewerbeschule i.V." am 22.5.1936 diesen Bericht unterzeichnet, wird in den Jahren 1935 bis 1938 drei Mal für die Wehrmacht vom Dienst befreit (insgesamt 11 Wochen), ein anderer Gewerbelehrer im selben Zeitraum gar fünf Mal für mehr als 17 Wochen.(22) Für diese beiden besonders NS-aktiven Lehrkräfte sind auch Beurlaubungen zu Kreis- und Reichsparteitagen vermerkt.


Auch politische Werbeaktionen und die Benutzung des Schulhauses durch Unterorganisationen der NSDAP belegen deutlich, dass das Schulleben in die Allgegenwart der NS-Propaganda eingebunden war.


Ab 1938/39 werden die Berichte auf Anweisung dünner; der letzte einigermaßen umfangreiche Statistikbericht ist der über 1942/43 vom 21.12.1942. Für 1943 und 1944 reduziert sich der Berichtsumfang auf ein [!] Blatt. Der letzte Bericht wurde am 2. Dezember 1944 angefordert und am 15. Januar 1945 abgegeben. Auch hier wird der Anschein vom Funktionieren des Systems bis zum Ende aufrecht erhalten.


Die Berichte sind insofern ein starker Beleg für die Bedeutung der Schulen für die Militarisierung der Gesellschaft und bei der Durchsetzung der NS-Ideologie, die auch über die Schule hinaus wirkte. Ob die Nagolder Gewerbeschule dabei herausragend aktiv war, müsste eine vergleichende Untersuchung ergeben.