Gwerbliche Schule Nagold

Der Wiederbeginn 1945

Die Altensteiger Schule nimmt im Herbst 1945 den Unterricht wieder auf, in Nagold geschieht dies im Frühjahr 1946. Der Betrieb dürfte wohl gegen Ende des Krieges vollständig zum Erliegen gekommen sein, einerseits wegen des Einsatzes der Jugendlichen zu Kriegszwecken, andererseits durch die Ausquartierung der Schule aus ihrem angestammten Gebäude noch während des Krieges.(23) Auch die "zahlreichen Einberufungen von Gewerbe- und Handelslehrern zur Wehrmacht […] zwingen zu einer erheblichen Einschränkung des Unterrichts"(24) und bewirken bereits ab 1940 an der Nagolder Schule, dass die Berufssschüler nur noch 14-täglich unterrichtet werden.(25) Das Schulhaus steht erst wieder im Herbst 1946 zur Verfügung; es mangelt an Unterrichtsmaterial, die Schülerzahlen steigen stark, und es gibt zu wenig Lehrer. Die Zahlen von 1955: acht hauptamtliche und fünf nebenamtliche Lehrkräfte für 1051 Lehrlinge.


Über die NS-Belastung einzelner Lehrer geben teilweise erhaltene Entnazifizierungsakten Auskunft: Ein Lehrer hat diesen Vorgang wohl nicht im Schuldienst überstanden, gegen zwei weitere verfügte die französische Militärregierung "Sühnemaßnahmen": vorübergehend völlige Einbehaltung des Gehalts, später Gehaltskürzung. Beiläufig interessant erscheint in diesem Zusammenhang, dass der 1946 im Auftrag der französischen Militärverwaltung unterzeichnende Beamte bereits vor 1945 in der oberen Schulbehörde für Personaldinge zuständig war. Schon im September 1948 genehmigt das jetzt zuständige "Kultministerium" [!] des Landes Württemberg-Hohenzollern in Tübingen eine Stundung der Gehaltskürzung mit dem Hinweis, dass die Sühnemaßnahme "infolge der zu erwartenden Amnestie" wahrscheinlich ganz entfallen werde.(26) So können die Schule und ihre Verwaltung als typische Beispiele für den Beginn der Restauration der 50er Jahre angesehen werden.


In einem anderen Sinn aufschlussreich sind die tastenden Annäherungsversuche der Schule an die von den Besatzungsmächten und später von Länderverfassung und Grundgesetz geforderte Demokratisierung der Schule. Erziehungsmaßstäbe und –ziele, wie sie in der Jubiläumsschrift zum 100jährigen Bestehen der Schule im Jahr 1949 zum Ausdruck kommen, sprechen dafür, dass die Umorientierung eher mühsam war: "Möge die Gewerbliche und Kaufmännische Berufsschule auch in Zukunft von Seiten des Handwerks, der Industrie, der Stadtverwaltung und dem gesamten Berufsschulverband die Unterstützung erfahren, die sie ihr früher angedeihen liessen, damit der werktätigen Jugend die für den Existenzkampf nötigen Kenntnisse und Fertigkeiten vermittelt werden können, und sie zu brauchbaren Gliedern des Volkes erzogen werden kann."(27)


Weder in dieser noch in anderen früheren geschichtlichen Betrachtungen erscheint auch nur ein Ansatz eines kritischen Rückblickes auf Nationalsozialismus, Krieg und Völkermord. Diese Ära wird gewürdigt unter dem Aspekt der Effizienzsteigerung der beruflichen Bildung (Fachklassen, neue Werkstätten, Berufsschulverband etc.), also im wesentlichen positiv. Nur darauf gestützt müsste man annehmen, dass der Nationalsozialismus die Schulen ideologisch überhaupt nicht berührte. Zerstört haben diese Leistungen in dieser Sichtweise dann "die Ereignisse des Jahres 1945",(28) also Niederlage und Besatzung durch die Franzosen, nicht aber, was die Diktatur vorher anrichtete. Der Euphemismus ist durchgängig festzustellen.


Es bleibt 1949 eine Kontinuität von Erziehungszielen, die Jugend für den "Existenzkampf" und "zu brauchbaren Gliedern des Volkes" zu erziehen. Diese Brauchbarkeit ist oberste Maxime der NS-Erziehung gewesen. Man kann darin aber auch ein durchgehendes antidemokratisches Potential in Erziehungswissenschaft und Lehrerschaft seit der Weimarer Republik erkennen, die Forderung nach der gliedhaften Einordnung des Einzelnen in einen einheitlich gedachten Volksorganismus.(29) Auch der Begriff "Existenzkampf" hat zumindest eine sozialdarwinistische Konnotation.


Protokolle von Lehrerkonferenzen und Berichte von Fortbildungsveranstaltungen über das Fach Gemeinschaftskunde belegen die Unsicherheit, sind aber nur vereinzelte Zeugnisse einer Politisierung von Unterricht und Schule, die man wohl eher als störend empfand.


Als einziger Gedenk- oder Feiertag in den Schulen ist im Protokollbuch der Lehrerkonferenzen zwischen dem 29.10.1948 (erster Eintrag; die ersten fünf Blätter sind herausgetrennt) und dem 09.07.1951 vermerkt:


"22.Nov.1948 Bekanntgabe folgender Erlasse:

  • TU I Nr 2648 v. 9.11.48 [!]
    betr: Feiern in den Schulen aus Anlaß des Tierschutztages am 24. Nov.
  • 24. November jeden Jahres Tag des Tiers
    S. auch Amtsblatt v. 30.3.37 T. [?] 67 Erlaß des Kultministeriums Nr 2144.[…]"


Nicht nur die Berufung auf einen Erlass von 1937 ist bemerkenswert. Fast zynisch wirkt aus heutiger Sicht vielmehr, dass der Erlass eines "Tierschutztages" [!] ausgerechnet am 9.November erging. Zehn Jahre zuvor brannten genau an diesem Tag die Synagogen, es ist der Jahrestag der sog. "Reichskristallnacht". Darauf findet sich im Protokollbuch keinerlei Hinweis.