Gwerbliche Schule Nagold

Von den Anfängen bis 1906 / 12

Um so bemerkenswerter erscheint der Beschluss, zur Ausbildung des beruflichen Nachwuchses eine Handwerkerschule zu gründen. Man bewegte sich dabei in einem Trend, der von der Berufsbildungsforschung als "Paradigmenwechsel von der traditionellen Standeserziehung hin zur modernen Berufsausbildung" bezeichnet wird. Er entspricht dem in der jüngeren Handwerkergeneration verbreiteten "Bewußtsein von der Notwendigkeit der Modernisierung der bisher auf dem Imitatio- und Repetitio-Prinzip aufbauenden Werkstattlehre zu einer zweckrational gestalteten […] betrieblichen Ausbildung mit dem Ziel, den dort vermittelten praktischen Handlungsvollzug durch eine berufsbezogene theoretische Unterweisung zu ergänzen".(9)


Den konkreten Hintergrund in Württemberg bildet eine "Denkschrift des Königlichen Studienrats [ein Teil des Kultusministeriums] an die Gewerbevereine, Gewerbsleute und Gewerbefreunde in Württemberg" aus dem Jahr 1848. Der stellte zunächst fest, dass die 1825 ins Leben gerufenen "Sonntagsgewerbeschulen" die in sie gesetzten Erwartungen nicht erfüllt hätten und forderte zur Gründung gewerblicher Fortbildungsschulen in Abendunterricht auf, um der wirtschaftlichen Krise und der scharfen auswärtigen Konkurrenz dauerhafte Grundlagen entgegensetzen zu können.(10)


Am Freitag, den 12. Januar 1849 wird die Handwerkerschule eröffnet, von nebenamtlichen Lehrkräften als Abend- und Sonntagsschule geführt. Rechnen, Zeichnen und Buchführung sollten unterrichtet werden. Sie darf nicht als eine einfache Fortführung der zuvor schon bestehenden Fortbildungsschule betrachtet werden. Ziel der zuletzt genannten Art von Schulen war eher die Wiederholung des in der Volksschule gelernten Stoffes. Auch die Bezeichnung "Industrieschule" für einen Vorläufertyp wirkt heute mißverständlich: Einrichtungen dieses Typs waren Armenschulen, die eine elementare allgemeine und berufliche Bildung für verschiedene Zweige, insbesondere der Hausindustrie, vermitteln sollten. Ihr Zweck war vorwiegend ein sozialer, woraus sich auch die Trägerschaft - meist Wohltätigkeitsvereine - erklärt. "Industrie" wird ursprünglich noch wörtlich als "Fleiß", dann als "Gewerbefleiß" verstanden.


Das Neue an der Handwerkerschule ist der direkte Bezug zur betrieblichen Ausbildung und dass sie von den lokalen Meistern allmählich als Teil der Ausbildung akzeptiert wurde.(11) In dieser Auslagerung einer berufsbezogenen theoretischen Unterweisung ist der Beginn des "Dualen Systems" der Berufsausbildung zu sehen. Schon im Aufruf zur Gründung der Handwerkerschule heißt es, dass "wegen der in- und ausländischen Konkurrenz nur der wirklich kenntnisreiche Gewerbemann sein Fortkommen findet".(12)


Die Schule steht 1862 unter der Leitung des "Reallehrers" und des "Knabenschulmeisters"(13), unterrichtet wird im "Weißen Schulhaus", der Besuch ist zunächst freiwillig. Im Jahr 1905 führt zuerst die Stadt Nagold den "Schulzwang" ein, ein Jahr später macht der Staat (das Königreich Württemberg) den Besuch der Berufsschule zur Pflicht. 1908 besuchen 212 Schüler den Unterricht, davon 196 den "wissenschaftlichen Unterricht" ("Geschäftsaufsatz", "geometrisches Rechnen", "gewerbliches Rechnen" und "gewerbliche Buchführung") und 124 den "Zeichenunterricht" ("Freihandzeichnen", "geometrisches Zeichnen", "Projektionszeichen", "Fachzeichen"). Darunter sind 16 auswärtige Schüler, die nur am Zeichenunterricht teilnehmen. Fachzeichen für Bau- und Metallhandwerker wurde auch 1908 noch am Sonntagvormittag unterrichtet ( 7.30-9.30 Uhr und 10.30-12.30 Uhr, – ob die Pause für den Kirchgang reichte?)


Nach dem Schulbericht von 1908 wird der Unterricht jetzt als Tagesunterricht von hauptamtlichen Lehrern gehalten. "Tagesunterricht" in diesem Sinne bedeutet Vormittagsunterricht von frühestens 7.00 Uhr bis spätestens 12.00 Uhr (nur Zeichenunterricht) und Abendunterricht ab frühestens 16.30 Uhr bis spätestens 20.30 Uhr ("wissenschaftlicher Unterricht"). Nachmittags stehen die Schüler also regelmäßig den Betrieben zur Verfügung. Die Unterrichtsstunde dauert 60 Minuten. Bis zu 38 Schüler bilden eine Klasse. Die Berufsstruktur ist eine rein nichtindustrielle, gesondert aufgeführt werden 2 Verwaltungslehrlinge, 3 Bauern und 2 Tagelöhner. Den weitaus größten Anteil bilden die Schreinerlehrlinge mit 39 Schülern, gefolgt von den Schlossern mit 16. Die Schule erhebt Schulgeld. Bei der Betrachtung der Schülerzahlen ist zu berücksichtigen, dass in der näheren Umgebung noch weitere selbständige Berufsschulen in Altensteig, Ebhausen, Haiterbach und Wildberg bestehen.